Schönsein

Schönsein liegt im Trend – immer mehr Menschen nutzen die Wintermonate dazu, bewusst ihr Äusseres zu pflegen. Auch die Bibel erzählt von Schönheit.

Umfragen weisen nach, dass Menschen nach ihrem Äusseren beurteilt werden. Kann man sich auf die Bibel beziehen, um dagegen innere Werte zu betonen? Nicht auf das «Hohelied». Darin bewundert der Mann seine Geliebte: «Wie schön bist du, meine Freundin, wie schön!» Und die Frau antwortet: «Wie schön bist du, mein Geliebter, wie hold!» (Hohelied 1,16).

Das Hohelied, eine Sammlung von Liebesliedern aus dem 3. vorchristlichen Jahrhundert, zeigt einen in der Bibel einzigartigen Umgang mit Schönheit: Sie wird nicht nur am Rande erwähnt, sondern zum Thema gemacht. Und was macht den Menschen im Hohelied «schön»? Sein Äusseres. Als die Frau gefragt wird, was ihr Geliebter «anderen voraus» hat, beschreibt sie seinen ganzen Körper in allen Details (Hohelied 5, 10-16). Charaktereigenschaften werden nicht erwähnt, von innerer Schönheit ist keine Rede. Nicht verwunderlich, dass Ausleger versuchten, das Hohelied als kultische Dichtung zu deuten, es als «Hochzeitslied» zu verstehen oder in der Geliebten ein Bild für die Kirche und im Geliebten ein Symbol für Christus zu sehen. Doch solche Auslegungen scheitern am Text: Dieser beschreibt körperliche Schönheit und Liebe mit einer erotischen Komponente und betont die Gleichwertigkeit von Mann und Frau.

Warum weckt ein solcher Lobpreis der äusseren Erscheinung in der Bibel Widerstand? Weil Schönheit über Erfolg und Misserfolg entscheidet – gleichzeitig aber ungerecht verteilt ist. Schönheit verschafft «unverdiente Vorteile», ist soziale Macht. Theologen und Theologinnen kritisieren deshalb den Kult der Äusserlichkeit als eine «Vergötzung der Schönheit»: Wer nicht als schön gilt und sich Schönheitsoperationen nicht leisten kann, werde schlechter behandelt.

Das Hohelied wird Salomo als Verfasser zugeschrieben. Dieser gilt als Sinnbild eines weisen Königs. Worin liegt die Weisheit des Textes in Bezug auf Schönheit? Zum einen: Entscheidend ist, womit Schönheit verglichen wird. Die Frau beschreibt den schönen Mann mit Bildern aus der Natur: Tauben, Balsambeete, Lotosblumen, Edelsteine, Gold und vieles mehr dienen ihr als Vergleichsmotive für seine Körperteile. Durch diese Naturvergleiche entsteht Offenheit: Schönheit muss sich nicht an der einschränkenden Norm von Schönheitschirurgie messen.

Hinzu kommt die Perspektive: Die Frau beschreibt die Schönheit des Mannes nicht als teilnahmslose Beobachterin, die einen allgemeingültigen Massstab anlegt, sondern als Liebende. Wer liebt, kann auch im vermeintlich Unschönen durch persönliche Betrachtung Schönheit entdecken. So gesehen setzt das Hohelied einen biblischen Trend in der Beurteilung des Äusseren: Schönheit darf im Zentrum stehen – wenn Vergleichsmotive und Perspektive stimmen.

Pfarrer Andrea Marco Bianca