Glaubensglück

In der Bibel ist nur vereinzelt direkt von Glück die Rede. Doch das täuscht, denn deutsche Übersetzungen brauchen auch die Wörter «wohl» und «selig» für dieses Bedeutungsfeld.

Die meisten Stellen zu «Glück» finden sich im Alten Testament. 
Da geht es oft um grundlegende Formen äusseren Glücks: Nahrung, Freundschaft und Familie. Doch auch inneres Glück wird erwähnt: «Wohl dem, der kein schlechtes Gewissen hat», heisst es in Jesus Sirach 14,2. Ebenfalls bezeichnend: Arbeit gilt als Voraussetzung für Glück. Wissenschaftliche Forschungen bestätigen den biblischen Befund: Richard Layard zählt zu den sieben Glücksfaktoren neben persönlicher und finanzieller Freiheit sowie Gesundheit auch Familie, Freunde, Arbeit und Glauben.

Über die sprachliche Wurzel von Glück lässt sich ebenfalls erkennen, wieviel Glück mit Glauben zu tun hat: Glück leitet sich von «g(e)lücke» ab – dieses bezeichnete die Art, wie etwas gut endet und gelingt. Wenn es beispielsweise von Joseph heisst: «Und was er auch tat, der Herr liess es gelingen» (Genesis 39,23), wird der innere Zusammenhang von Gott und Glück deutlich. Zwei weitere Texte sind wesentlich, um zu erkennen, was Glaubensglück sein kann: Psalm 1 und Matthäus 5, 3-11. Nach Psalm 1 ist ein Mensch glücklich, wenn er Lust hat, sich mit der «Weisung des Herrn» zu beschäftigen und seinen ganzen Alltag dadurch prägen zu lassen. In einer freien Übertragung von Vera Sabine Winkler lautet der Anfang von Psalm 1, 1-2, dann so: «Glücklich sind alle, die der Macht Gottes trauen und nicht erstarren in errechneten Wahrheiten und vordergründigen Sicherheiten. Glücklich sind alle, die aus der Macht Gottes leben bei Tag und bei Nacht und ein stehen für alles, was sie bewegt.»

Bei den sogenannten «Seligpreisungen» (Matthäus 5,3-11) lohnt es sich, eine vereinfachte Gesamtsicht herauszuschälen. Seligkeit ist bei Jesus eine Art Steigerungsform von Glück, die in Bezug auf Raum und Zeit sowohl das Irdische wie das Himmlische umfasst: «Selig» bedeutet demnach, vollumfänglich glücklich zu sein. Analysiert man den Text, zeigt sich, dass zwei Begriffe mehrfach vorkommen: Gerechtigkeit und Herz. Als elementarisierte Hauptaussage ergibt sich: Glücklich ist, wer gerecht und herzlich ist. Integriert man in diese seelische Grundhaltung die anderen Einzelaussagen, so kann man festhalten: Um gerecht zu sein, soll man friedensfördernd und gewaltlos vorgehen – und um herzlich zu sein, soll man sowohl barmherzig gegenüber anderen als auch reinherzig gegenüber sich selbst bleiben. Wer auf diese Weise gerecht und herzlich ist, kann – wiederum Einzelaussagen in den Seligpreisungen folgend – sogar glücklich sein, wenn er arm im Geist ist, trauert oder verfolgt wird.

Eine persönliche Umsetzung solcher Einsichten findet sich in einem Text von Bonhoeffer, den er 1943 im Gefängnis schrieb: «Man soll Gott in dem finden und lieben, was er uns gerade gibt; wenn es Gott gefällt, uns ein überwältigendes irdisches Glück geniessen zu lassen, dann soll man nicht frömmer sein als Gott und dieses Glück durch übermütige Gedanken und Herausforderungen und durch eine wild gewordene religiöse Phantasie, die an dem, was Gott gibt, nie genug haben kann, dieses Glück wurmstichig werden lassen...» Hier kommt ein an der Bibel orientiertes Glaubensglück zum Ausdruck, welches bis heute wegweisend ist.

Pfarrer Andrea Marco Bianca